Kohabitation

Über Vergrämung, graues Licht und das, was bleibt

Diese Serie entsteht im Rahmen des Umweltseminars an der IAPh. Die Ergebnisse aller Teilnehmenden werden gemeinsam auf dem Naturfotografiefestival Horizonte Zingst ausgestellt. Was ich dort zeigen werde, ist das Ergebnis einer sehr konkreten Frage: Wer entscheidet, wie viel Raum Natur bekommt – und was macht die Natur mit dem, was bleibt?

Ich fotografiere diese Serie nicht bei schönem Wetter.

Das ist keine Laune und keine Einschränkung – es ist eine bewusste Entscheidung, die ich nur für diese Arbeit getroffen habe. Wenn ich vor einem Abwehrnetz stehe, vor Metallspikes auf einem Sims, vor einem sorgfältig versiegelten Gebälk, in dem früher Schwalben nisteten, dann ist das keine Szene für warmes Licht. Graue Tage zeigen, was ich empfinde, wenn ich diese Eingriffe sehe: eine stille, sachliche Schwere. Kein Aufschrei. Eher ein Registrieren.

Eine stille Praxis

Vergrämung ist kein Randphänomen. Auf Anzeigetafeln, Vorsprüngen, Rohren oder ähnlichem werden Spikes angebracht, damit sich Tiere dort nicht aufhalten und brüten können – Netze schützen Balkone, Schrägbleche versiegeln mögliche Lande- und Nistflächen. Was nach Einzelmaßnahme klingt, ist in der Summe ein lückenloses System: verweigern, zuteilen, ersetzen.

Das Paradoxe daran: Weder Spikes noch Netze lösen das Problem – standorttreue Tiere suchen sich schlicht Alternativen in der näheren Umgebung. Die Verdrängung verschiebt sich, sie verschwindet nicht. Für meine Kamera bedeutet das: Es gibt immer ein nächstes Bild.

Was graues Licht zeigt

Als Naturfotografin suche ich eigentlich immer das besondere Licht. Hier nicht.

Diffuses Licht lässt keine Schatten, die ablenken. Es gibt keine Dramatik, die das Motiv überwältigt. Die Metallspikes auf einem Bahnhofsdach unter weißem Himmel – das ist sachlich. Fast administrativ. Genau das ist es, was mich beschäftigt: dass diese Eingriffe so selbstverständlich aussehen. So unauffällig. So normal.

Menschen erscheinen nicht im Bild. Aber sie sind überall – in den Netzen, den Spikes, den akkurat begrenzten Wildblumenstreifen. Ihre Eingriffe rahmen das Bild. Die Tiere füllen es – oder eben nicht.

Drei Kapitel, eine Frage

Die Serie gliedert sich in drei Kapitel: verweigerten Raum, zugeteilten Raum, behaupteten Raum. Das Nest, das trotzdem entsteht. Zwischen den Spikes, hinter dem Netz, im Zentimeter, der übrig bleibt.

Das Fehlen verrät genauso viel wie die Anwesenheit. Ein leeres Netz unter einem Brückengewölbe erzählt eine andere Geschichte als eines, in dem sich Tauben verfangen haben. Beide Bilder interessieren mich. Beide sind wahr.

Als Naturfotografin folge ich den Tieren nicht dorthin, wo sie sein sollen – sondern dorthin, wo sie tatsächlich sind. Und dorthin, wo sie nicht mehr sind.

Es gibt Planungsansätze, die in die entgegengesetzte Richtung denken. Die Vision einer „Ko-Habitation" – eines gleichberechtigteren Zusammenlebens von Mensch und Tier im Stadtraum – hat sich inzwischen zu einer konkreten Planungsmethode entwickelt, die Tierbedürfnisse von Anfang an in Architektur und Stadtplanung integriert. Ob und wie weit solche Ansätze greifen, ist eine offene Frage. Meine Arbeit stellt sie nicht – sie zeigt, was heute ist.

Diese Serie ist kein abgeschlossenes Projekt. Ich möchte sie in den kommenden Jahren ausbauen und verdichten – dokumentieren, was sich wandelt. Was verschwindet. Was sich trotzdem behauptet.

Diese Serie entsteht im Rahmen des Umweltseminars IAPH. Die Seminarergebnisse werden gemeinsam auf dem Naturfotografiefestival Horizonte Zingst ausgestellt.

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Im Licht verlieren